Wenn plötzlich die Worte fehlen

12. Juni 2016

Aphasie ist eine Sprachstörung, die jeden treffen kann. Seit 30 Jahren gibt es in Regensburg eine Selbsthilfegruppe.
von Christine Straßer, MZ 09.06.2016

Auf dem Computerbildschirm ist im rechten Drittel ein Bild aus einem Herbstgarten zu sehen. Darunter stehen drei Wörter, gefolgt von einem Freiraum. Franz Nagel sieht sich das alles an. „Der Mann“, sagt er langsam. Das dritte Wort will ihm nicht über die Lippen kommen. Die Logopädin Waltraud Allhoff deutet mit einem Stift darauf. Franz Nagel strengt sich an. Er fährt mit seinem rechten Zeigefinger über die Tischunterlage. Es ist ein H, dass er aufzeichnet. Der Anfangsbuchstabe des Wortes, das Nagel kennt, aber sein Gehirn verwehrt ihm den Zugriff darauf. Schließlich fährt er mit dem Cursor darüber. „Harkt“, sagt eine Computerstimme.

Notoperation nach Hirnblutung

Es ist 20 Jahre her, als Nagel bei einem Unfall eine schwere Hirnblutung erlitt. Nach der Notoperation fehlten ihm plötzlich die Worte. Der Krankenpfleger wachte damals aus dem künstlichen Koma auf und konnte gar nicht begreifen, warum er auf der Intensivstation, auf der er schon gearbeitet hatte, auf einmal selbst im Bett lag. Der damals 57-Jährige wollte sofort aufstehen und „seine Arbeit“ machen. Das war der Beginn einer schwierigen Zeit für ihn, seine Frau Ingrid und die ganze Familie.

Wie sich herausstellte, hatte die Blutung Nagels Sprachzentrum geschädigt. Er konnte nicht mehr sprechen, nicht lesen, nicht schreiben. „Mein Mann wollte die Suppe mit der Gabel essen“, weiß Ingrid Nagel noch und sie erinnert sich daran, wie hilflos sie sich gefühlte. Denn auch nach sechs Wochen Reha in Bad Gögging (Lkr. Kelheim) waren die Fortschritte, die ihr Mann die Sprache betreffend gemacht hatte, klein. Von Aphasie hatte das Ehepaar bis dahin nie gehört – und auch das Pflegepersonal sei oft ratlos gewesen.

Mehr als 100 000 Betroffene

Aphasie umschreibt den Verlust oder die Einschränkung der Sprache und des Sprechens. Die Ursachen sind unterschiedlich. Sie reichen von Gehirnverletzungen durch einen Unfall über einen Schlaganfall, eine Gehirnblutung bis zum Gehirntumor. Nach Auswertungen des Bundesverbandes für die Rehabilitation der Aphasiker gibt es in Deutschland mehr als 100 000 Menschen, die an Aphasie erkrankt sind. Aphasie hat nichts mit geistiger Behinderung oder psychischer Störung zu tun. Die Aphasie verändert lediglich die Fähigkeit, sich mit Sprache auszudrücken und Sprache zu verstehen. Vor ihrer Erkrankung hatten die Betroffenen keine sprachliche Probleme. Vielmehr ist es so, dass die Aphasie nicht selten über Nacht eintritt.

Franz Nagel ging nach seiner Reha weiter zur Sprachtherapie. Er hoffte damals, dass nach einigen Wochen schon wieder alles gut werden würde. Aber wieder eine Sprache zu finden, erwies sich als schwierig. Über die Logopädin und Sozialpädagogin Waltraud Allhoff bekam er Kontakt zu der Selbsthilfegruppe für Aphasiker, die es seit 1986 in Regensburg gibt. Allhoff und ihr Mann Dieter haben diese Gruppe gegründet. Sie verschafft eine große Erleichterung. Die Nagels erlebten hier, dass sie nicht allein mit ihren Sorgen und Problemen sind.

Dass ihm nach einem Schlaganfall „die Worte fehlten“, schildert Franz Paul, der Vorsitzende der Regensburger Aphasiker-Selbsthilfegruppe. Um seine Defizite zu beheben, habe er alles abgeschrieben, was er in die Finger bekommen habe. Seitenweise. Als erfahrenen Einzelhandelskaufmann habe ihn schockiert, dass er auch nicht mehr rechnen konnte. Paul erkannte auch Geld, insbesondere die Scheine, nicht mehr. Heute – zwölf Jahre später – ist dem 76-Jährigen die Sprachstörung so gut wie nicht mehr anzumerken. Paul sagt, dass ihm hin und wieder eine bestimmte Vokabel, eine genaue Bezeichnung, nicht mehr einfalle. Aber Paul kann sogar wieder eine Rede halten. „Für einen Aphasiker ist das ein Glücksfall“, betont er.

Franz Nagel wiederum ist nun nach Jahren so weit, dass er wieder so gut sprechen kann, dass er im Alltag zurecht kommt. Anfangs war es wichtig, dass ihm seine Frau klare Fragen stellte, die er einfach beantworten konnte. Dann gewann er Schritt für Schritt mehr Sprachvermögen zurück.

Einmal pro Woche geht Nagel noch immer zur Sprachtherapie. Zuhause übt er am Computer weiter, wiederholt Trainingseinheiten eigenständig und kann selbst auswählen, welche Bereiche – beispielsweise Rechnen oder bestimmte Wortfelder – er stärken möchte. Ständige Wiederholung ist wichtig, hat Ingrid Nagel beobachtet. Gebete, die ihr Mann regelmäßig im Gottesdienst gehört habe, habe er nach einiger Zeit wieder mitsprechen können, erzählt sie.

Selbstständigkeit zurückerobert

Schmerzvoll war für Franz Nagel, dass er seinen Beruf als Krankenpfleger, den er so geliebt hatte, nicht mehr ausüben konnte. Umso motivierender war es für ihn, als er im Evangelischen Alten- und Pflegeheim Johannesstift in Regensburg halbtags mithelfen konnte. Drei Jahre lang fuhr Nagel mit dem Fahrrad selbst dorthin und eroberte sich ein Stück Selbstständigkeit zurück. Auch Wochenendausflüge traut er sich wieder zu. Nagel ist beispielsweise schon allein mit dem Zug nach Berlin gefahren. Das klappt alles reibungslos, solange es keine Verspätungen oder Änderungen bei den Verbindungen gibt. Wenn er am Bahnsteig nachfragen muss, kann das schwierig werden, schließlich wissen die anderen Mitreisenden nicht, was mit Nagel los ist. Im Hotel war die Rezeptionistin über seine Erkrankung informiert. Insofern war ihr klar, dass sie diesem Gast vielleicht etwas mehr Zeit lassen muss, wenn er Fragen stellt oder etwas erklärt. Das wäre für viele Aphasiker im Alltag wichtig: Zeit und Geduld ihrer Mitmenschen.

Franz Nagel ist seinerseits seit 20 Jahren drangeblieben, um einen Weg zu finden, mit seinen Sprachschwierigkeiten zurechtzukommen. Die Übungen am Computer sind ein wichtiges Trainings. Nachdem das Wort harkt erarbeitet ist, gilt es den Satz zu vervollständigen. Links neben dem Gartenbild stehen vier Begriffe. Nagel findet, dass eigentlich zwei richtig sind. Laub und Blätter. Der Computer akzeptiert nur Laub. Nun ja, Nagel ist eben einfallsreicher als die Maschine.